T wie Tradition

Das Schwingfest  

Eisernen Blickes stehen sie einander gegenüber in einem Kreis aus weichem Sägemehl. Das Ziel eines jeden ist es, den anderen so schnell wie möglich zu Boden zu bringen. Nicht, indem er überwältigt wird, sondern durch einen gekonnten Griff an die Hose des Kontrahenten, um ihn dann mit Schwung in das Sägemehl zu werfen. Das ist Schwingen in Kurzform, die schweizerische Variante des Ringens, ein Nationalsport mit Tradition

Erste Darstellungen zeigen, dass bereits im 13. Jahrhundert Hosenlupf, ein Synonym für Schwingen, betrieben wurde. Anders als beim Ringen gibt es keine Gewichtsklassen. Nach wie vor ist Schwingen beliebt, insbesondere in ländlichen Regionen. Bei kantonalen Schwingfesten versammeln sich Tausende, beim eidgenössischen geht die Besucherzahl in die Hunderttausende. Schwingen ist Männersache, doch langsam arbeiten sich auch die Frauen in dem harten Metier im Wyberschwingets empor. Wie ich nach Gesprächen erfahren habe, ist das nicht nur ein Kampf auf Sägemehl, sondern vor allem einer gegen geschlechtertypische Stereotype und patriarchale Strukturen. 

Ein Schwinger erzählt

Heute bin ich in Seefeld beim BernischKantonalen Schwingfest. Das ist ein absolutes Highlight für Adrian, der hier an den Start gehen wird. Mit 12 Jahren hat er mit dem Schwingen angefangen. Heute ist er 30, trainiert bis zu fünf Mal in de Woche neben seinem Beruf.

Adrian, wie hast du dich auf das Schwingfest vorbereitet?

Die Vorbereitungen laufen eigentlich das ganze Jahr. Ab Oktober trainieren wir. Es geht um Technik, Kraft, Ausdauer, aber auch die mentale Stärke und die Ernährung spielen eine große Rolle. In der Woche vor dem Kampf trainiere ich weniger und achte darauf, ausgeruht zu sein. 

Weißt du schon, wer deine Gegner sein werden? 

Noch nicht, aber man kennt sich. Die Schwinger sind wie eine große Familie, jeder kennt jeden. Vor dem Kampf sind wir Freunde, im Kampf Gegner und danach wieder Freunde. So einfach ist das. 

Mit welchem Ziel gehst du heute in den Ring?

Ich will in die Kränze kommen! 

Die besten Schwinger eines Schwingfestes erhalten einen Kranz. Zusätzlich gibt es Geschenke aus dem Gabentempel von großzügigen Sponsoren. Ganz besondere Geschenke. Mehr darüber gibt es in meinem Nachbericht. Wir werden sehen, wie sich Adrian schlagen wird. 

    
 Bleibt mir nur noch zu wünschen: Guet Schwung, Adrian!

To be continued…   Also, falls ich je ankommen sollte. Kurz vor 8 Uhr und Auto um Auto schiebt sich Richtung Arena. 

Burkini-Verbot in Basel?

„Baden ja, aber bitte nicht im Burkini!“ So lässt sich die aktuelle Debatte um das Frauenbad Eglisee in Basel zusammenfassen. Wie das Nachrichtenportal 20 Minuten berichtet, seien in den vergangenen Jahren immer mehr muslimische Frauen aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz nach Basel gekommen, um ungestört in diesem einzigartigen Frauenbad dem Nichtstun und Sonnenbaden zu frönen. Sie sollen zeitweise bis zu drei Viertel der Gäste ausmachen.

Eine australische Rettungsschwimmerin im Burkini.

Eine australische Rettungsschwimmerin im Burkini. (Quelle: Omar Sasha)

Und viele davon wohlgemerkt in einem Burkini, also einem Ganzkörperbadeanzug. Ein Burkini (Burka + Bikini = Burkini) ist mehr als ein Polyester, das schariakonformen Badegenuss ermöglicht. Der Stoff ist ein Stück Freiheit für streng gläubige Muslima, die trotz des Verhüllungsgebotes in öffentliche Bäder gehen möchten. Denn vor dem Burkini gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder völlig bekleidet oder erst gar nicht ins Wasser zu gehen.

Petition für ein Burkini-Verbot

Der große Andrang muslimischer Frauen im Frauenbad Eglisee stößt so mancher SVP-Frau aus Basel ganz bitter auf. Deshalb lancieren die SVP-Damen der Stadt Basel nun eine Petition, die Frieden und Tradition in das Eglisee-Frauenbad zurückholen soll – und wenn es nach ihnen geht, ist das nur durch ein Burkini-Verbot möglich.

Die Aufruf, auf Facebook veröffentlich, lautet:

Die SVP Frauen Basel-Stadt lancieren eine Petition gegen Ganzkörperbadeanzüge in öffentlichen Badeanstalten des Kantons Basel-Stadt. Sie fordern den Regierungsrat und das Parlament auf, diese Ganzkörperanzüge zu verbieten. Es kann in einem Schwimmbad in unserem Kulturkreis verlangt werden, dass sich Badegäste den hiesigen kulturellen Gegebenheiten anpassen. 

Grund für diese Petition sind die jüngsten Vorkommnisse im Gartenbad Eglisee. Bereits in den vergangenen Jahren kam es dort immer wieder zu Problemen mit Frauen, welche mit einem Ganzkörperbadeanzug ins Frauenbad eintreten wollten. Es kann und darf nicht sein, dass Frauen, welche Badeanzüge und Bikinis tragen, von Trägerinnen von Ganzkörperbadeanzügen, wie leider häufiger passiert, beschimpft und beleidigt werden. Die SVP Frauen Basel-Stadt bedauert es ausserordentlich, dass der respektvolle Umgang offensichtlich nicht mehr möglich ist und immer mehr Trägerinnen von Ganzkörperanzügen das Frauenbad im Eglisee bevölkern. Damit verliert dieser beliebte und besondere Bereich im Frauenbad seinen reizvollen Charakter, eine jahrzehntealte Tradition würde verschwinden.

Dagegen wehren sich die SVP Frauen, welche diese Tradition bewahren wollen. Es ist Fakt, dass es in unserer Kultur normal ist, dass Frauen ihre Arme und Beine zeigen. In diesem separat abgetrennten Bereich des Eglisee sind diesbezügliche Freiheiten für Frauen explizit sogar in einem sehr diskreten Umfeld auslebbar. Diese Kultur dürfen wir uns nicht nehmen lassen und müssen zum ursprünglichen Frauenbad Sorge tragen. Deshalb fordern die SVP Frauen Basel-Stadt vom Regierungsrat und vom Grossen Rat, dass inskünftig Ganzkörperbadeanzüge in den öffentlichen Badeanstalten des Kantons Basel-Stadt verboten werden. SVP Frauen lancieren Petition gegen Ganzkörperbadeanzüge in Schwimmbädern.

Schauen wir uns mal die Argumentationsstruktur der SVP-Frauen Basel an. 

Was ist der Grund für die Petition gegen Ganzkörperbadeanzüge? Das ist etwas schwammig formuliert und für den Leser nicht sofort ersichtlich, aber es gibt wohl mehrere Gründe.

1. Das Problem / die Beweggründe

Zum einen sind es „die jüngsten Vorkommnisse“ – Hmm, was genau? Keine Antwort. Tatsächlich bin ich bei meiner Recherche auf Vorfälle in der Vergangenheit gestoßen (Berichte von Basler ZeitungNZZ und 20 Minuten). Wahrscheinlich steckt hinter den genannten jüngsten Vorkommnissen die SVP-Aussage „dass Frauen, welche Badeanzüge und Bikinis tragen, von Trägerinnen von Ganzkörperbadeanzügen, wie leider häufiger passiert, beschimpft und beleidigt werden.“ Sind solche Einzelfälle schon ein Grund, eine ganze Religionsgemeinschaft auszuschließen? Zum anderen „bevölkern“ laut SVP immer mehr Muslima das Bad. Das führe dazu, dass das Bad seinen reizvollen Charakter verliere und jahrzehntelange Tradition verschwinde. Das ist eine nostalgische Mutmaßung, kein Grund und noch lange keine Tatsache.

2. Lösung: Burkini-Verbot

Fragt man die Basler SVP-Frauen, ist das ganz einfach: Burkinis verbieten. Und das ist logisch. Denn auf den ersten Blick ist das keine Diskriminierung. Das Verbot gilt lediglich Kleidungsstücken, nicht Menschen. Doch schlussendlich wird damit eine ganze Religionsgemeinschaft ausgeschlossen, die streng nach der Scharia lebt. Untermauert wird die SVP-Forderung mit dem einfachen Grundsatz: „Es kann in einem Schwimmbad in unserem Kulturkreis verlangt werden, dass sich Badegäste den hiesigen kulturellen Gegebenheiten anpassen.“

Ich bin gespannt, ob sich die Petition durchsetzen wird. Laut 20 Minuten hält die Basler Muslim-Kommission recht wenig von diesem Vorstoß.

„Wir sollten weiter aufklären“

Ich bin auf einen weiteren Artikel gestoßen: Muslima-Dominanz im Frauenbad Eglisee: „Ich habe genug“ auf OnlineReports. Auch wenn mir die Wortwahl sehr aufstößt und die Berichterstattung nicht objektiv ist (einige Beispiele: „Muslima-Dominanz“, Fünf mit Kopftüchern und langen Gewändern bekleidete Maghrebinerinnen und einige Kinder steigen aus – mit Sack und Pack: auch mit Verpflegung, Getränken und eigenem Sonnenschirm“) habe ich unten bei den Leserkommentaren einen sehr wertvollen Beitrag gefunden. 

[…] Natürlich können wir auch dieses Problem legalistisch und etatistisch lösen, auf „deutsche Art“ sozusagen. Aber was haben wir dann? Eine reine Paragraphen-Lösung. Ist das eine? Ich meine im Hinblick auf eine zukunftsträchtige Lösung doch eher, das sei keine. Wir hätten dann nur den Moment verwaltet. Aber keine echte Zukunft. Aufklärung tut Not. Damit meine ich, dass Sie und ich uns dort treffen werden, in diesem Mittelfeld des Denkens.

Wir sollten – nicht nur mit Piktogrammen – aufklären. Ja, das wird Arbeit. Wahrscheinlich sogar eine richtige Scheissarbeit. Aber wir haben das schon früher bewältigt, wir haben […] so viele integriert, die Ungarn, die Tschechen, die Italiener. Und diese haben uns soviel gebracht. […] Wir sollten damit nicht aufhören, sondern es fortsetzen, unbeirrbar, stetig, zuversichtlich.

Es ist im Kern, was wir Schweizer richtig gut können, was wir seit jeher konnten, das ist Schweiz […] – vier Sprachen, ein Volk. Das sind wir, das können wir. Wir sollten es darum gerade jetzt nicht aufgeben, nicht erstarren, sondern es fortsetzen, unbeirrbar, zuversichtlich. Haben wir eine Option? Ich meine nicht. Diese Muslima sind da, es ist an uns, ihnen unser Denken verständlich weiterzugeben. Jemand muss es tun.

Das nenne ich Swiss-Spirit! Und auch einen konstruktiven, wenn auch mühsamen Lösungsansatz. Ein Burkini-Verbot ist eine bequeme, aber zugleich unfreundliche Lösung. Diesen Swiss-Spirit bewundere ich an der Schweiz: Ein kleines Land, das so viele Kulturen und Sprachen vereint und dabei dennoch eine einzigartige und unverwechselbare Kulturlandschaft bietet, die nach außen hin deutlich wahrnehmbar ist. Durch die Rückbesinnung auf diese Werte kann Neues entstehen, ohne dass das Schweizer Selbstverständnis verlorengeht.

Und allem voran könnte man an diesem Beispiel vom Frauenbad Eglisee zeigen, wie Integration erfolgreich verlaufen kann. In einer globalisierten Welt wollen wir nicht auf unbegrenzte Mobilität verzichten. Die Begleiterscheinung ist schlicht gesagt, dass Kulturen aufeinandertreffen. Für mich ist das das wertvollste Gut, das Globalisierung hervorgebracht hat.

Barcamp: Meine erste Unkonferenz

Was ist ein Barcamp?

Spontan, impulsiv und lebendig – das ist ein Barcamp. Es lebt von seinen Besuchern. An Diskussionsrunden, in Workshops oder in Seminaren kommen die Teilnehmer dieser ganz besonderen Konferenz zusammen. Der entscheidende Unterschied zu anderen Konferenzen ist, dass das Barcamp eine offene und ungezwungene Unkonferenz ist. Bitte was?

Anders als bei herkömmlichen Konferenzen steht kein Tagungsplan fest. Der passive Besucher wird hier zum aktiven Akteur, denn das Tagungsprogramm für diese Unkonferenz entsteht spontan und demokratisch und kann aktiv mitgestaltet werden. Deshalb werden Barcamps auch als Ad-hoc-Nicht-Konferenz bezeichnet. Wen verwundert’s, dass dieses Konzept aus Palo Alto stammt, wo man bekanntlich ganz Nahe am Puls der Zeit lebt und arbeitet.

Die Sessionplanung läuft: Die erfahrenen Barcampler ließen sich nicht lange bitten, ihre Vorschläge dem Publikum vorzustellen.

Die Sessionplanung läuft: Die erfahrenen Barcampler ließen sich nicht lange bitten, ihre Vorschläge dem Publikum vorzustellen.

Offen und spontan war auch mein erstes Barcamp, das Mitte August in der Zürcher Innenstadt im Karl der Grosse stattfand. Jeder, wirklich jeder war eingeladen, zur Sessionplanung seinen Vorschlag einzureichen. Als Neuling habe ich mich zurückgehalten. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, welche Themen und

welches Publikum mich erwarten könnten. Eines war im Vorfeld jedoch klar: Wie mir die Teilnehmerliste gezeigt hat, hatte ich es mit vielen Medien-Menschen, Bloggern und fleißigen Twitter-Usern zu tun. Brav in Reih und Glied stellten sich die Barcampler an, um ihre Workshops und Themen zu präsentieren. Kein Vorschlag wurde abgelehnt und so entstand ein sehr buntes Programm.

Barcamp ist das, was du daraus machst

Vor meinem ersten Barcamp war es nicht leicht, Freunde und Bekannte für dieses Format zu begeistern. Denn wer noch nie da war, weiß gar nicht, wie er oder sie ein Barcamp beschreiben soll. Nachdem ich mein erstes Barcamp erlebt und mich mit zahlreichen Barcamp-Urgesteinen ausgetauscht habe, weiß ich: Kein Barcamp ist wie das andere. Und ein Barcamp ist genau das, was du daraus machst. Es ist das Ergebnis aus Interaktion mit den Teilnehmern und deiner persönlichen Auswahl der Sessions. Also was war mein Barcamp?

Meine Sessions, meine Highlights

In der ersten Session am Samstagmorgen ging es gleich handwerklich zur Sache. Wir haben unter Anleitung ein Timelapse-Tool für Zeitrafferaufnahmen gebastelt. So hochtrabend sich das anhört, so einfach ist die Idee dahinter: Auf eine runde Holzplatte haben wir mit Heißkleber zwei Holzstücke befestigt, die das Smartphone stabilisieren. Diese Konstruktion haben wir dann auf eine herkömmliche Küchenuhr geklebt. Mit einer Zeitraffer-App kann man so einen Raum oder eine Landschaft aufnehmen, während die aufgezogene Küchenuhr sich langsam dreht. Lange Rede, kurzer Sinn: Während wir gebastelt haben, hat Gregor Froehlich, der kreative Kopf dahinter, mit diesem Tool Aufnahmen in Zeitraffer gemacht:

Spiele-Session: Exploding Kittens

Spiele-Session: Exploding Kittens

Danach ging es den Katzen an den Hals. In einer netten Runde haben wir das Spiel „Exlpoding Kittens“ gespielt. Nichts für Katzenliebhaber. Zumindest nur für jene, die Humor haben. Laut Machern ist das Spiel konzipiert für „people who are into kittens and explosions and laser beams and sometimes goats“ – alles klar?

Ask a Digital Teen: Ein 15-Jähriger beantwortet die digitalen Neuland-Fragen der Erwachsenen.

Ask a Digital Teen: Ein 15-Jähriger beantwortet die digitalen Neuland-Fragen der Erwachsenen.

Der zweite Barcamp-Tag war aufschlussreich. In der Session „Ask a Digital Teen“ haben wir einen 15-Jährigen über seine digitalen Vorlieben ausfragen können. Es ging um seine Sicht der Dinge, welche Apps und Netzwerke cool sind, welche nicht. Vorab: Facebook ist für ihn irrelevant. E-Mail auch.

Die Kommunikation läuft über WhatsApp. Wir haben über YouNow gesprochen, Werbung via YouTube, sein Verständnis dafür, diese auch anzuschauen, über selbstverliebte Teens, unvorsichtige Kinder und coole Spiele.

Meine Bilanz

Ich habe sehr, sehr gute Gespräche geführt und eine offene Barcampkultur kennengelernt à la „Come as you are – but be a part of barcamp“. Was will ich damit sagen? Jegliche Altersklassen waren vertreten sowie Berufsgruppen von Anwälten, über SEO- und Marketing-Menschen bis hin zu Freizeit-Bloggern. Klar ist, bei diesem Barcamp lag der Schwerpunkt auf der Medienbranche. Das war aber kein Kriterium. Es gibt offene Barcamps, aber auch thematisch geschlossene, die sich an eine bestimmte Branche richten (Tourismus, HR, Medien etc.). Generell gilt aber: Jeder darf kommen, solange er oder sie sich beteiligt, ob mit Diskussionsbeiträgen oder eigenen Sessions.
Die Verpflegung beim Barcamp in Zürich war spitze, die Location im Karl der Grosse mit seinen kultigen Tagungsräumen war ausgezeichnet – und das alles ohne Kosten für die Teilnehmer. An dieser Stelle herzlichen Dank an die Sponsoren und an das Orga-Team um Clemens Hofrat von der Agentur Hofrat & Suess.

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Berichte über das Barcamp Schweiz 2015

Weiterführende Links

Welcome to Graubünden

Romantisch, idyllisch und alles andere als provinziell: So präsentiert sich der Kanton Graubünden in seiner aktuellen Werbekampagne und will Städter in die Natur locken.

Heute schon was vor? Tourismus-Kampage

Heute schon was vor? Tourismus-Kampagne „The Great Escape | Bündner entführen Städter in die Berge“ (Quelle: Screenshot YouTube)

Die Kampagne heißt „The Great Escape: Bündner entführen Städter in die Berge“. Graubünden packt die Städter mit dieser Aktion genau dort, wo sie sich in Massen tummeln: direkt am Bahnhof über einen Werbebildschirm.

Live zugeschaltet ist ein älterer Herr mit Rauschebart aus dem bündnerischen Vrin, der stark an Heidis Großvater Alpöhi erinnert. Er spricht die Passanten direkt an und lädt sie auf einen spontanen Snack nach Vrin zu ihm auf die Berghütte ein – das Bahnticket für die Reise nach Graubünden gibt’s umsonst dazu.

Einige folgen seiner Einladung und werden Teil dieser lässigen Werbeaktion…

Graubünden braucht Touristen

Graubünden ist der größte Kanton der Schweiz und liegt vollständig im Gebiet der Alpen. Zugleich ist Graubünden der Kanton mit der kleinsten Einwohnerzahl, was nicht zuletzt an seiner ausgeprägten Berglandschaft liegt. In der Wintersaison 2014/2015 haben 2,6 Prozent weniger Gäste in Graubünden übernachtet als noch ein Jahr zuvor. Im Fünfjahresmittel sind es sogar 6,3 Prozent. Immer weniger ausländische Gäste kommen nach Graubünden.

Insbesondere seit der Frankenaufwertung vom Januar 2015 lastet Druck auf der Region. Der Hintergrund: Die Schweizer Notenbank hat am 15. Januar 2015 als Reaktion auf die Eurokrise den Euro-Mindestkurs gekappt. Zuvor hatte die Notenbank jahrelange die eigene Währung mit Euro-Käufen künstlich billig gehalten, sodass der Euro mindestens 1,20 Franken wert war. Sank der Kurs unter diese Marke, griff die Notenbank ein. Damit ist es nun vorbei. Nach einem ersten Schock – der Kurs fiel auf unter 80 Rappen – hat sich der Franken-Euro-Kurs auf einen 1:1-Wert eingependelt.

Somit ist der Schweizer Franken jetzt mehr wert. Das ist gut für Schweizer, die im Euroland nun für rund 20 Prozent günstiger konsumieren und einkaufen können. Ungünstig ist das hingegen für die Schweizer Exportwirtschaft und den Tourismus, denn im gleichen Atemzug ist für Mitglieder der Euroländer alles um ein Fünftel teuerer geworden. Das ist enorm, da die Schweiz ohnehin schon ein teueres Pflaster ist.

Graubünden ist definitiv eine Reise wert – nicht nur weil die neueste Werbeaktion unglaublich sympathisch ist und Lust auf die Alpenregion in der Südostschweiz macht. Wer Berge und Natur sucht, ist in Graubünden richtig. Kalte Bergflüsse schlängeln sich durch die Landschaft, umgeben von hohen Gipfeln. Dank Bahn und Postbus kommt der Besucher an jeden noch so abgelegenen Ort. Kleine Bergdörfer und Serpentinen runden das Bild ab. Und last but not least: In Graubünden hat sich die Romanfigur „Heidi“ in die Berge verliebt. So wie ich in meiner Bergwald-Woche im bündnerischen Curaglia.

B wie Bergwaldprojekt (Teil II)

5. Juli 2015, kurz vor fünf Uhr. Sie haben sich noch nie zuvor gesehen. 13 Fremde stehen an der Bushaltestelle im bündnerischen Curaglia. 600 Höhenmeter trennen sie noch von dem eigentlichen Ziel ihrer Reise: die Forsthütte am Crap Stagias. Sie reisten an aus Wien, aus Hannover, aus der Schweiz, vom Bodensee oder per Nachtzug aus Hamburg. Ein gemeinsamer Wunsch hat sie alle zu diesem gottverlassenen Ort in der Schweiz geführt: den Bergwald erleben, so intensiv wie noch nie zuvor, und die eigenen Grenzen ertasten. Sechs Tage in Curaglia beim Arbeiten im Schutzwald – organisiert von der Stiftung Bergwaldprojekt.

Wir streifen unsere schweren Rucksäcke ab. Zum Kennenlernen ist jetzt keine Zeit. Es ist heiß, die Sonne drückt sich immer noch tief ins Tal. Projektleiter Renato wartet schon. Nur wenige Worte fallen bei seiner knackigen Begrüßung. Er lädt die Rucksäcke in den Kofferraum und schon rattert der Motor seines VW-Buses. „Ich wünsche euch einen schönen Spaziergang!“ Er zieht die Fahrertür zu und fährt los Richtung Forsthütte. Wir müssen laufen.

600 Höllenmeter zum Warmwerden

In gleichmäßigem Schritt schieben wir uns hinauf. Steinstufe um Steinstufe, fast zwei Stunden bei drückender Hitze über morsche Wurzeln, auf verwachsenen und steilen Wegen. Der trockene Waldboden wirbelt auf. Trinkpause. Ich schnappe nach Luft. „Vielleicht sollte ich mit dem Rauchen aufhören.“ Ich versuche Schritt zu halten. Schattenpause im Wald. „Warum mache ich das eigentlich?“ Weiter geht’s. Diese 600 Höhenmeter zur Forsthütte sind nur eine erste Bewährungsprobe beim Bergwaldprojekt Curaglia. Nur ein Warmwerden für das, was uns in dieser Woche im Bergwald erwarten wird. Mit Sense, Axt und Wiedehopfhacke bewaffnet erobern wir Tag für Tag den Bergwald, bis er zu unserem natürlichen Terrain wird. Berührungsängste werden schwinden, die Höhenangst muss weichen, Hände werden schmerzen, Kratzer, blaue Flecken und klebrige Harzreste sind die Ernte eines langen Tages. Das Essen am Abend, ohnehin schon ein Festmahl, wird zum verdienten Höhepunkt des Tages.

„Da sind wir schon“, sagt Gruppenleiter und Wanderführer Armin und zeigt auf die Forsthütte. Damit eröffnet sich auch die Belohnung für die Wanderung: 2.000 Meter über dem Meeresspiegel, ein freier Blick auf mächtige Berge wie den Piz Muraun oder den Piz Medel, auf sonnenverwöhnte Südhänge und schneebedeckte Bergspitzen. Stille, die den Arbeitsalltag wegwischt, wärmende Lagerfeuer – ein Sternenhimmel, so frei und ungebrochen, und ein Scheinwerfer von Vollmond, der nachts das Plateau erleuchtet und in gruselig-schönes Licht taucht.

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Öko-Träume platzen: „Wir machen das nicht für den Wald!“

Gemütlich essen wir am ersten Abend zu Kerzenlicht in der Forsthütte. Bekocht und verwöhnt wie jeden Tag vom eingespielten Koch-Duo Marion und Andreas, die mit Holzofen und improvisiertem Kühlschrank arbeiten. Draußen ist ein Sturm aufgezogen. Er rüttelt an den Zelten. Die ersten Zelte bäumen sich im Wind auf, Stricke reißen, Karabiner halten nicht, Unruhe in der Hütte. Ein Zelt kann gerade noch so festgehalten werden, bevor es der Wind mit sich in die bündnerische Gebirgslandschaft reißen kann.

Gleich nach dem ersten gemeinsamen Essen räumt Projektleiter Renato mit naiven Naturschützer-Träumen auf: „Unsere Arbeit im Bergwald leisten wir nicht für den Wald – sondern für den Menschen.“ Die Arbeit diene dem Schutz der Menschen unten im Tal, dem Schutz der Verbindungsstraßen vor Lawinen und Steinschlag. Nicht der Wald brauche unsere Hilfe – der komme ohnehin besser ohne uns klar – sondern die Menschen. Das ist eine von so vielen Erkenntnissen und Weisheiten, die uns Renato und seine Leute Tag für Tag mit auf den Weg geben. Wald ist komplex, Wald lebt, Waldarbeit ist eine Generationenaufgabe.

Ein ganz normaler Bergwaldtag

6 Uhr: „Einen wuuunderschönen guten Morgeeeeen!“ Pünktlich um 6 Uhr ertönt der Weckruf von Gruppenleiter Holger. Ganz nett eigentlich. Ich hatte mit einem mächtigen Alpenhorn gerechnet oder mit der Boot-Camp-Methode: hämmerndes Schlagen auf Töpfe. Nichtsdestotrotz, fünf bis acht Grad an einem Julimorgen machen es nicht einfacher, sich aus dem Schlafsack zu schälen – besonders dann, wenn das Zelt in Frost gepackt ist. Zähneputzen, kaltes Wasser ins Gesicht, Deo statt Dusche.

6.30 Uhr: Frühstücken. Wer viel arbeitet, braucht auch viel Energie – das gilt für jede Mahlzeit beim Bergwaldprojekt. Morgens beginnt der Tag ganz klassisch mit Birchermüsli, selbst gebackenem Brot mit Marmelade, frischem Tee, heißer Milch mit Ovomaltine, Kaffee, Kaffee, Kaffee, Kippe, Kaffee.

7.30 Uhr: Antreten. Die Rucksäcke sind gepackt. Sonnenschutz aufgetragen, Regenschutz, Trinkwasser und Tee vorbereiten. Arbeitskleidung übergeworfen und Arbeitshandschuhe im Gepäck, Sackmesser, Mütze. Renato teilt die 13 Teilnehmer in drei Gruppen auf. An den ersten drei Tagen rotieren die Gruppen zwischen den drei Aufgaben im Wald, an Tag vier darf man sich seine Station aussuchen, Tag fünf ist ohnehin eine Ausnahme mit Exkursion und Fest.

09.00 Uhr: Znüni. Das ist ein schweizerischer Begriff und bedeutet „zu neun Uhr“ – also zweites Frühstück um 9 Uhr. Am ersten Tag wundere ich mich noch: Es ist keine zwei Stunden her, dass wir mit der Arbeit begonnen haben, gesägt, geschält, gefällt haben – und dann gibt es schon wieder etwas zu essen? Das ändert sich schnell. Diese Pausen sind wichtig. Wir essen Käse, Nüsse, Trockenfrüchte, Brot und trinken Tee, alles regional, gesund und lecker. Wir tanken Energie und unterhalten uns. Weiter geht’s.

12.00 Uhr: Zmittag. Die Köche Marion und Andreas geben uns jeden Morgen in großen Taschen das Essen für den ganzen Tag mit plus zwei Kanister mit Brunnenwasser. Gegessen wird dort, wo man arbeitet. Bei der Jungwaldpflege im steilen Berghang, abgestützt an Baumstämmen. Beim Bau der Dreibeinböcke unten an der Straße, weil der Hang unbewachsen ist und uns keinen Halt bietet. Beim Wegebau auf dem frisch aufgearbeiteten Weg. Wir essen Salat, Brot, Käse oder machen Feuer für die Suppe. Und nach dem Essen steht Siesta an. Wie umgefallene Dominosteine liegen wir auf dem Waldboden. Keiner spricht. Es still. Vogelgezwitscher. Rauschen in der Bergkrone. So bleiben wir eine Stunde liegen. Langsam aufstehen und wieder an die Arbeit.

16.00 Uhr Zvieri – Unsere Nachmittagspause. Mit Käse, Nüssen und Brot. Nur noch eine Stunde bis Feierabend.

17.00 Uhr: Feierabend. Also fast. Wer unten beim Wegebau war, der muss erst einmal eine halbe Stunde hoch zur Hütte laufen: dreckig, mit Harz an den Armen und in den Haaren, der Schweiß steht in den dicken Wanderschuhen, die Sonne knallt. Aber oben wartet die beste Belohnung für hart arbeitende Forstneulinge: Kaffee, Kuchen, frisches Obst und die schönste Dusche der Welt. Duschsack schnappen, der gefüllt ist mit Wasser, das sich tagsüber in der Sonne auf eine angenehme Temperatur erhitzt hat. Vorbei an der Forsthütte durch die Wildblumenwiese 100 Meter hinunter, den verwachsenen Weg verlassen und links abbiegen, und schon ist man da: Ein Lawinenschutz, an dem der Wassersack befestigt wird. Während du von deinem hohen Posten dem faszinierenden Schauspiel folgen kannst, wie sich im Tal ein Gewitter zusammenbraut, stehst du oben auf dem Berg in der Sonne, unter der warmen Dusche und wäscht dir der Bergwalddreck vom Körper. Noch nie war ich so glücklich beim Duschen. Ich will eine Bergwalddusche für mein Zuhause.

18 Uhr Essen und entspannen. Jeden Abend verwöhnen uns die Köche Marion und Andreas mit einer kulinarischen Vielfalt: angefangen bei Couscous-Auflauf bis hin zu Asiatisch. Immer drei Gänge – Salat, Hauptgericht, Dessert – und all das mit einem Holzofen, gekocht auf kleinstem Raum für mehr als 20 Personen, einer separaten Hütte mit Kiesboden, die als Kühlschank dient. Hut ab! Wir alle waren große Fans ihrer Küche!

Der letzte Morgen

Samstag, 6.30 Uhr: Wie immer gibt es Frühstück in der Hütte. Heute müssen wir unser Lager abbauen. Zwei oder drei bleiben noch, um zu auf eigene Faust die Landschaft zu erkunden. Der Rest lädt die schweren Rucksäcke in Renatos Bus. Dann geht es zu Fuß hinab ins Tal nach Curaglia. Dort angetroffen fahren alle wieder zurück. Letzte Umarmungen. „Komm mich besuchen, wenn du mal in Wien bist“, sagt Annabell zum Abschied.

Aus 13 Fremden sind irgendwie Bergwald-Freunde geworden, die sich in einer für sie ganz neuen, ungewohnten Umgebung kennengelernt haben. Sie haben in Teams Bäume gefällt, Dreibeinböcke gebaut, Wege aufgearbeitet, schweres Werkzeug geschultert, gemeinsam im Wald auf Wurzeln und im hohen Gras gedöst, bei der Küchenarbeit geholfen und die Abende am Lagerfeuer verbracht. Sechs Tage lang.

Von Chris trenne ich mich am Bahnhof in Zürich. Er ist der letzte Bergwald-Kumpan, den ich verabschiede. Wir haben uns schon auf der Hinfahrt kennengelernt. Erkennungsmerkmal: großer Rucksack, Zelt, Wanderschuhe. Eine letzte Umarmung. „Bis bald mal!“ Dann trennen sich unsere Wege. Und so stehe ich am Gleis 18 und warte auf meine Verbindung nach Baden. Ungeduscht vom Vortag, klebriges Harz an den Unterarmen und in den Haaren, schweres Gepäck und warte. Um mich herum hetzen die Zürcher, schick gekleidet. Vielleicht sind sie auf dem Weg in die Stadt oder besuchen Freunde.

Erst in diesem Moment am Gleis, alleine nach sechs Tagen, merke ich, wie sehr mich dieses Erlebnis im Bergwald beeindruckt hat. Ich kann es nicht fassen, dass die Erfahrungen der vergangenen Tage nun mit voller Wucht auf mich eindreschen – jetzt wo es vorbei ist.

Die letzten Kratzer sind schon lange verschwunden, die Hände schmerzen auch nicht mehr. Der Bergwalddreck ist rausgewaschen. Was den anderen und mir bleibt, das ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche Zeit im Bergwald von Curaglia in Graubünden – wie kitschig das klingt, aber so ist es.

In unserer Bergwaldwoche feierte das Projekt in Curaglia 25-jähriges Bestehen. Das Fernsehen war auch da und hat uns bei der Arbeit begleitet.

In unserer Bergwaldwoche feierte das Projekt in Curaglia 25-jähriges Bestehen. Das Fernsehen war auch da und hat uns bei der Arbeit begleitet.

Tue Gutes und sprich darüber

„Tue Gutes und sprich darüber.“ Das gab uns Projektleiter Renato am letzten gemeinsamen Abend am Lagerfeuer mit. Hiermit mache ich das. Wer nach einem einzigartigen Erlebnis abseits des Sorglos-All-Inklusive-Urlaubs sucht, ist hier an der richtigen Adresse. An 90 Projektwochen kommen Freiwillige in die Schweizer Bergwälder. Die Teilnahme ist kostenlos, nur die Hinfahrt muss jeder für sich organisieren. Teilnehmen kann jeder, der zwischen 18 und 80 Jahren alt ist – ob mit oder ohne Berg-/Forsterfahrung. Die Gruppenleiter haben jahrelange Erfahrung im Bergwald und weisen die Teilnehmer geduldig ein.

Deshalb sage ich auch: Tue Gutes und sprich darüber – Geh in den Bergwald.

B wie Bergwaldprojekt (Teil I)

Noch näher kann man der Natur nicht kommen: Hoch auf dem Gipfel, umgeben von Nebelschwaden, die ihren Weg durch ein Meer von Wildblumen suchen, freier Blick ins Tal. Zu frei, zu offen. Denn eines trübt diese Idylle, immer noch: Vivian, Jahrgang 1990. Sie kam in einer Februarnacht: „Es war schon dunkel, als es anfing. Mein Haus bebte und zitterte wie noch nie. Im Wald hörte ich die Bäume brechen, da wusste ich gleich, was los war“, erinnert sich der Förster aus Curaglia.

Der verheerende Orkan Vivian hat sich in die Schweizer Bergwälder gefressen, Schluchten und Vernichtung zurückgelassen – und die Angst bei den Menschen im Tal, die damit ihren natürlichen Schutz vor Lawinen und Steinschlag verloren hatten. Auch heute, 25 Jahre später, hat sich der Bergwald über dem Dorf Curaglia noch nicht davon erholt. 1999 kam noch Lothar hinzu – er und Vivian haben ihre Spuren in den Schweizer Schutzwäldern hinterlassen. Überall ziehen sich ihre Schneisen durch die Landschaft, diese Risse im Ökosystem, die die darunterliegenden Dörfer, Straßen und Bahnschienen bedrohen.

 

Die Folgen des Orkans Vivian (Quelle: Screeshot

Die Folgen des Orkans Vivian in Curaglia.                                                                                                                                                (Quelle: Screenshot „Curaglia hat wieder einen Schutzwald“, YouTube)

Das Bergwaldprojekt: „Alle reden vom Wald, wir gehen hin!“

Ein Bergwald erfüllt gleich mehrere wichtige Funktionen: Er bewahrt das Tal vor Lawinen, Steinschlag, Erdrutschen und Hochwasser. Die Stiftung „Bergwaldprojekt“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schweizer Schutzwälder wieder aufzuforsten: Mit Laien und Ehrenamtlichen, die mit mehr oder weniger Vorwissen an die Arbeit gehen, unterstützt und eingearbeitet von Fachleute.

„Alle reden vom Wald, wir gehen hin!“ Unter diesem Motto nahm das Bergwaldprojekt 1987 seinen Lauf. Und das wird auch mein Motto sein, wenn ich am Sonntag in Baden in meinen
Zug steige. Ziel: Curaglia, Kanton Graubünden, eine Forsthütte auf 2.000 Meter Höhe. Rückkehr: Samstag, 11. Juli 2015. Dieser kurze Film zeigt, wie der Sturm Vivan 1990 den Schutzwald Curaglia mitgenommen hat und was Freiwillige des Bergwaldprojekts seitdem leisten konnten.

Curaglia hat wieder einen Schutzwald.

Curaglia hat wieder einen Schutzwald.

Mein Bergwaldprojekt: Kein Minimalismus ohne Konsum

Ich habe keine Erfahrung. Ich habe noch nie im Wald gearbeitet, geschweige denn Bäume gefällt oder in steilem Gelände Wege gebaut. Daheim habe ich mich immer vor Gartenarbeit gedrückt. Die Büroarbeit macht mich müde, manchmal tut der Rücken weh.

Wie wird das sein, wenn ich einen ganzen Tag körperlich hart arbeite? Wie sehr werde ich mich auf das Mittagessen im Wald freuen, auf den Schlaf freuen, nachdem sich meine müden Glieder in den wahrscheinlich viel zu leichten Schlafsack geschoben haben?

Eine Woche zelten, Bäume pflanzen, Bäume fällen, Kaltwasser am Brunnen, kein Strom. Ohne Handy, ohne MacBook, ohne Alltag. Eine Woche Natur pur, Minimalismus pur. Ein einfaches, reduziertes Leben also, für das ich erst einiges einkaufen, leihen und organisieren musste – so widersprüchlich das auch ist. Denn bis vor einer Woche war ich nicht bereit für diesen Bergeinsatz – nicht im geringsten: angefangen beim Zelt bis hin zur Arbeitskleidung, Wanderschuhe oder Treckingrucksack.

Heute werde ich packen. Sparsam, weil wir von der Busstation in Curaglia erst noch 90 Minuten zu unserer Forsthütte wandern müssen.

Meine Packliste: 
  • Regenjacke und Regenhose
  • Arbeitskleidung, warme Kleidung, Mütze, Arbeitshandschuhe
  • zwei Paar hohe Wanderschuhe
  • Zelt
  • Isomatte
  • Schlafsack
  • Trekkingrucksack
  • Tagesrucksack
  • Duschgel, Zahnbürste, Kamm, Deo, Feuchtigkeitstücher, Sonnencreme
  • Taschenmesser, Thermosflasche
  • ein Buch
  • ein Handy für den Notfall
  • meine Kamera

Ich bin gespannt, mit welchen Eindrücken ich wieder zurückkehren werde. Ich freue mich auf die Auszeit vom Alltag, den organisierten Minimalismus und Grenzerfahrungen – und auf die Bilanz, die wir nach einer Woche Arbeit im Schutzwald ziehen können.

F wie Feiern

Clubben macht dich arm

Der Club

Der Club „Hive“, Zürich Kreis 5

Ja, Zürich, du schöne Stadt. In der Schweiz leben die glücklichsten Menschen – das sagt der World Happiness Report 2015. Und mich macht Zürich auch sehr glücklich. Die Preise aber weniger.

Zürich ist die teuerste Stadt der Welt. Das besagt das Ranking des britischen Wochenmagazins „The Economist“. Untersucht werden die Lebenshaltungskosten. Als Maßstab für einen Index von 100 gelten die Preise in New York. Zürich kommt auf einen Wert von 136. Ein Beispiel: Die Miete für eine 60-Quadratmeter-Butze liegt im Durchschnitt bei 1.800 Franken.

Die Universität Zürich empfiehlt ihren Studenten ein monatliches Budget von 2.000 Franken. Für Freizeit, also Feiern, sind 150 Franken veranschlagt. Das reicht für einen semi-guten Abend in der Metropole – einmal im Monat.

Zürich ist eine Partystadt. Die Electro-Clubs sind genial, berühmte DJs geben sich den Plattenteller in die Hand, ein breites Open-Air-Angebot, coole Leute. Wer in Zürich feiert, hat Spaß – und braucht eine dicke Geldtasche.

Hier kommt die Party-Rechnung

Vor dem Club:

  • Zugticket Baden-Zürich/Tageskarte: 13 CHF + 5 CHF Nachtzuschlag = 18 CHF
  • Zigaretten am Kiosk: 8 CHF
  • Ein Sandwich als Grundlage: 5 CHF
  • Vor dem Club noch schnell in der coolen Szene-Bar ein Panasch (= dt. Radler) trinken: 4,5 CHF – wohlgemerkt 0,3)
  • Weil’s so gut ist und zwei Panasch gerade so eine Halbe ergeben – noch ein weiteres Panasch: 4,5 CHF
  • Zwischenbilanz 0 Uhr: 40 Franken

Ab in den Club:

  • Ist es ein geiler, berühmter DJ: 30 CHF
  • Ist es ein stinknormaler Abend: 28 CHF
  • Garderobe: 3 CHF
  • So, erstmal ein Bier: 7 CHF
  • Tanzen: kostenlos
  • Durstig: nochmal 7 CHF
  • Zeit für Umdrehungen: Mate-Wodka 15 CHF
  • Zwischenbilanz 6 Uhr: 102 CHF

Nach dem Club:

  • Döner: 8 CHF
  • Bilanz 8 Uhr: 110 CHF

Geld ist da, um es sinnvoll zu investieren

Ja, Zürich ist teuer – egal was man sich dort kaufen möchte. Unbezahlbar jedoch: die gute Musik, die lässigen Leute und die Erinnerungen an eine geile Züri-Clubnacht. Besonders dann, wenn liebe Menschen aus der Heimat zu Besuch sind.

Prost

Prost

Mit Panzerfaust und Keksen auf Promo-Tour

Fragende Blicke, staunendes Hinterherglotzen: Damit hat wohl keiner in der idyllischen Stadt Sargans in der Südschweiz gerechnet. Ein Dutzend Soldaten marschiert Richtung Bahnhof – mit sich tragen sie Maschinengewehre und Panzerfäuste. Auf der anderen Straßenseite hängt der Rest der Truppe ölend in der schwülen Nachmittagsluft auf zwei Panzern herum. Gelangweilte Tarnanzugträger turnen derweil zwischen den Panzern herum.

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Die Stadt Sargans liegt im Kanton St. Gallen. Umgeben von mächtigen Bergwäldern thront der Berggipfel Gonzen über dem Stadtschloss. Sargans ist nur eine Station der Wehrdienstleistenden an diesem Tag. Um 4 Uhr morgens sind sie aufgestanden und den ganzen Tag in Städten um das Rekrutierungszentrum Mels unterwegs. Ihre Mission lautet: Das Militär ist heute auf Promotion-Tour. Mit Maschinengewehr, Panzer und Keksen.

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„Keine der Waffen ist geladen“,  versichert einer der jungen Männer. Puh. Danke für die Info. Die Idee sei, dass man den Leuten mal zeigen könne, was man beim Militär so mache. Wer Lust hat kann sich die Waffen anschauen oder in den Panzer steigen. 

DSC_0013Eigentlich, eine gut gemeinte Sache, so die Bevölkerung an die Arbeit des Militärs heranzuführen. Es gibt nur einen Haken: Wenn niemand damit rechnet, wirkt die Aktion mächtig merkwürdig. Heute war das Motto des Militärs: Kommen die Leute nicht interessiert zu dir, dann schaust du eben mal vorbei und bietest dich an. Das Problem ist nur dieses komische, mulmige Gefühl, wenn auf einmal Soldaten mit großen Waffen an dir vorbeilaufen. Da hilft auch nicht der Keks, der dir schnell gezückt mit einem freundlichen Lächeln zugesteckt wird.  

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Fun Facts:

  • Dass sich so manche Soldaten in ihrem Beruf langweilen (und dabei noch sehr kreativ sind) ist spätestens sei dem „Dubgate“ kein Geheimnis mehr. Vor einigen Monaten wurde eine Schweizer Truppe bekannt für ihre lustigen Videos, erstellt mit der Video-App Dubsmash:

  • Die Facebook-Seite justswissmilitarythings sammelt die besten Videos und Bilder aus dem Schweizer Militär.

  • Nach Entlassung Waffe kaufen: Wer sieben Jahre im Militär gedient hat, kann beispielsweise das Sturmgewehr als „persönliche Waffe“ behalten. Voraussetzung: obligatorische Schiessübungen in den vergangenen drei Jahren.

BLICKperle des Tages: Grüazi mitanand!

Hütt uf Dialäkt

Sehr sympathisch: Der Blick am Abend kommt am 2. Juni 2015 in einer ganz besonderen Aufmachung daher. Anlässlich des siebten Geburtstages des Boulevardblattes sind alle Artikel uf Dialäkt verfasst. „Mundart isch Heimat und Authentizität, sie macht üs us und gibt üs Identität“, schreibt der Chefredakteur im Editorial. Und: „Jeda Schurnalischt schriibt übrigens hüt in sinam eigana Dialekt.“

Die Sonderausgabe in Mundart  (Blick am Abend, 2. Juni 2015)

Die Sonderausgabe in Mundart (Blick am Abend, 2. Juni 2015)

Wenn Schweizer die Schweizer nicht verstehen

Schweizerdeutsch unterscheidet sich regional sehr stark, deshalb kann nicht von dem „einen“ Dialekt gesprochen werden. Viele Deutsche haben ihre Probleme mit dem Schwizerdütsch. Aber selbst Schweizer geben zu, einander auch nicht immer zu verstehen. So habe ich schon oft gehört, dass besonders der Dialekt im Wallis sogar für viele Schweizer eine sprachliche Hürde darstellt. Ich war auch im Wallis unterwegs auf einer Recherchereise. Und ja, es war schwierig. Mehr über die Schweizer Dialekte wird es noch in einem späteren Artikel geben.

Sprachvielfalt at it’s best

Zurück zum Blick am Abend. Ich habe ein paar Beispiele herausgesucht die zeigen, wie sehr sich Schweizerdeutsch in einer Redaktion in seinen lokalspezifischen Ausprägungen unterscheiden kann. Während auf der Titelseite Blick am Abig die Rede ist, schreibt der Chefredakteur vom Blick am Obed. Der Eine schreibt von der Schprach, in einem anderen Artikel is die Rede von Schproch. Wenn das Wort ‚nicht’ gemeint ist, kann es mal nid oder nüd heißen. Diese Beispiele decken das Spektrum der Sprachvielfalt in keinem Fall ab. Aber diese kleinen, feinen Unterschiede lassen den Erfahrenen erkennen, aus welcher Region die Person stammt. Soweit bin ich noch lange nicht.

Passend zur Dialekt-Ausgabe kommt auch die Titelstory – „Balkan-Släng“ – und damit ein wahres Loblied auf die Jugendsprache, die Schweizerdeutsch mit ausländischem Einfluss verbindet. Balkan-Släng, wie es der Blick am Abend nennt, hat gewisse Ähnlichkeiten zum türkischen Slang in Deutschland.

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Balkan-Släng: „Es hett öbbis vonere Gheimschproch“

Geht es in dem Artikel um Sprachverfall? Eine naheliegende Frage. Kein kritisches Wort fällt, ganz im Gegenteil. Und genau das ist das Schöne an diesem Beitrag, der die Jugendsprache als eigenständige Ausdrucksweise versteht und respektiert. Es kommt eine Frau von der Zürcher Integrationsförderung zu Wort, die von der Sprache ihrer eigenen Kinder erzählt: „Es hett öbbis vonere Gheimsproch“. Und sie „finds schpannend und luschtig und überhaupt keis Problem“.

Sie bleibt nicht die einzige, die nur lobende Worte für die Entwicklung in der Jugendsprache findet. Vom Dachverband der Schweizer Lehrer heißt es „Schproch isch öbbis Läbigs“. Auch eine Schprochforscherin von der Uni Züri sieht keine Gefahr in Verzug für die Schweizer Mundart. Der Balkan-Släng beschränke sich derzeit nur auf die Jugend. Sie merkt aber an, dass er den Dialekt nachhaltig verändern könne.

Auch die meisten Anzeigenkunden haben sich angeschlossen und gleich mal auf Schweizerdeutsch geworben:

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Schweizerdeutsch für Anfänger

Genug Hochdeutsch von meiner Seite. Nicht umsonst sind wir hier auch auf Schweiz für Anfänger. Ein schönes Beispiel, um am Wortschatz zu feilen, ist dieser Artikel. Es geht darum, dass gute Erinnerungen oft mit bestimmten Gerüchen zusammenhängen. Ein Duftforscher sagt, dass wir das sogar bewusst steuern können.

Viel Spaß beim Lesen. Und ich wünsch euch auch „E Nase voll Glück“.

Mit der Nase ins Glück (aus Blick am Abend, 2. Juni 2015)

E Nase voll Glück (aus Blick am Abend, 2. Juni 2015)

Im Glanz früherer Zeiten

„Und ich glaube gar, dass unser Ort [Baden] der ist, wo der erste Mensch erschaffen wurde; Gan Eden nennen ihn die Juden, das heisst Garten der Lust. Denn wenn Lust ein glückseliges Leben herbeiführen kann, so sehe ich nicht, was diesem Orte fehlte zur vollendeten und nach jeder Seite vollkommenen Lust.“

(Aus „Das Leben und Treiben in den Bädern 1416“: Der italienischer Humanist Poggio Bracciolini über seinen Kuraufenthalt in Baden.)

„Baden ist.“ Das ist der Werbeslogan der Stadt Baden im Kanton Aargau. Und je nach Botschaft lautet der Slogan anders: Mal steht „Baden ist.Kultur“, bei Baustellen finden wir „Baden ist.Zukunft“. In Richtung Bäderquartier heißt es dann „Baden ist.Quelle“. Oder besser gesagt: war Quelle.

In „Baden ist.Quelle“ zeigt sich die jahrtausendealte Geschichte Badens als Bäderstadt. Das Bäderquartier am Fluss Limmat hat seinen Ursprung in einer römischen Siedlung, Aquae Helveticae, gegründet vor 2.000 Jahren. Aus 18 Thermalquellen sprudeln 900.000 Liter. Das sind 6.500 Badewannen. Täglich. 46,6 Grad ist das Wasser warm. Es ist das mineralreichste Thermalwasser in der ganzen Schweiz. 1.200 Meter tief soll das Wasser liegen, das in Baden und im angrenzenden Ennetbaden emporsteigt.

Heute gilt „Baden wird wieder.Quelle“. Denn das Bäderquartier mit all seinen stattlichen Heilbädern und noblen Hotels am Fluss zeigt sich mittlerweile von einer weniger glanzvollen Seite. Und das macht diese Gebäude für Fotomotive einfach unglaublich interessant.

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Baden, die heimliche Hauptstadt

Diese Bäder stammen aus dem 15. Jahrhundert – Hotel Blume, der Ochsen, der Bären, der Schlüssel und Hörnli. Geplant ist ein neues Thermalbad, die historischen Häuser Verenahof, Bären und Ochsen sollen renoviert werden. Mehr zur Neugestaltung im Bäderquartier gibt es logischerweise unter Baden ist.Service und auf der Seite der Befürwortergruppe Bäderstadt.

Das berühmte Bäderquartier soll der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass in Baden zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert besonders häufig Tagessatzungen abgehalten wurden. Dafür bekam Baden den Beinamen „heimliche Hauptstadt“. Bei einer Tagesatzung kamen die Abgesandten der Kantone zusammen und berieten sich zu politischen Fragen. Und auch wegen der regelmäßigen Treffen war Spanischbrödli, eine Badener Blätterteig-Spezialität, weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.

Hotspot für kränkelnde Prominenz

Die Bäderstadt durfte sich auch über berühmte Kurgäste freuen. Darunter Napoleon, der Schriftsteller Gottfried Keller oder unser Kurfürst Ernst von Bayern. Die Aufzeichnungen eines berühmten Badegastes konnte ich im Netz finden: Hermann Hesse. Er soll zwischen 1923 und 1952 jedes Jahr ins Aargau zur Kur gepilgert sein. Auf der Seite www.thermalbaden.ch hat Uli Münzel Ausschnitte aus dem Buch „Hermann Hesse als Badener Kurgast“ sowie Zeichnungen zusammengestellt.

Hier ein kleiner Einblick in die Gedanken Hesses von 1949 aus „Aufzeichnungen bei einer Kur in Baden“:

«So war es eine Art Flucht, als ich mich wieder zur Kur in Baden entschloss. Viele Male war ich dort gewesen, immer im Spätherbst, die Bäder sowohl wie der sanft verdummende, regelmässige Ablauf der Hoteltage, das Hindämmern des spärlichen Novemberlichtes, die Ruhe und angenehme Wärme im halbleeren Hause schienen mir erwünscht, ich würde entweder, wie schon oft, mich in Nichtstun und Schlendrian entspannen, oder, wie es andere Male geschehen war, schlaflose Nachtstunden im Bett mit Verseschreiben ausfüllen und dabei höhere Grade des Wachseins als je am Tage erleben, auf jeden Fall war es Abwechslung, und die ist im Klima des Alterns und Schwindens zuzeiten eine nicht kleine Verlockung.»

Die Stadt Baden veranstaltet regelmäßig Anfang des Monats eine Vollmondlesungen mit den Reiseberichten berühmter Schriftsteller. Auf der Homepage der Stadt Baden gibt es Texte zum Nachlesen, die letzten drei stammen aus der Feder Hesses.